Endlich wieder...

...einmal Zeit für Kino gestern am Abend.
Am Wochenende habe ich - seit Monaten - wieder einmal am Samstag Abend in die Glotze geschaut. Und ich bin wirklich froh, dass ich zu der wohl sehr schmalen Bevölkerungsschicht gehöre, die das Fernsehgerät vorwiegend als "statik-Staubfänger" zur Staubbindung aus der Raumluft verwendet.
Es erscheint mir beim Fernsehen dann immer hochgradig bizarr, welche inflationäre Flut hirnverbrannter Unterhaltung, Tag für Tag und Nacht für Nacht über hunderte Kanäle in Millionen von Wohnzimmern und Millionen von Gehirnen hinein erbrochen wird.
Weil ich mir das sonst schon lange nicht mehr antue, erlebe ich Fernsehen meist wie eine Art Wahrnehmungsschock.
Unglaublich wie tief das Niveau ist! Unvorstellbar, wie gut sich das aber offensichtlich vermarkten lässt!
Kein Thema privat und/oder platt genung, um nicht noch vor Millionenpublikum ausgeweidet zu werden.
Kein sich plump anbiedernder Witz, der nicht seine dummen Lacher findet.
Viele der vergeblich um Komik ringenden "Sager" beliebig austauschbarer, immer halb schreiender, halb singender ModeratorInnen mit zur Fratze gefrorenem Zahnpastagrinsen (wie machen die das, während sie reden, die Gesichtsmuskulatur so gleichförmig verkrampft zu halten?), erinnerten mich an die, um Anerkennung heischenden, dümmlichen Witzeleien, die wir wohl so zum Ende der Volksschule oder am Beginn der Hauptschule, zum Lachen fanden.
Damals allerdings offenbar durch das doch irgendwo vorhandene Wissen, dass "die unterste Schublade" uns nicht zum Ruhm gereicht, meist vor "vorgehaltener Hand" oder jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.
Wie wohltuend ist im Gegansatz dazu dann ein Film wie SCHULTZE GET'S THE BLUES von Michael Schorr!

Ein Film, der in einer Location spielt, in der ich "nicht angemalt" sein möchte. Ein Film der Ruhe vermittelt und eine sehr bestimmte, sich-nicht-erklären-wollende Langsamkeit und dadurch so etwas wie Zufriedenheit hervorruft.
Eine unaufdringliche Beschreibung und eine behutsame Beobachtung des Daseins eines Frühpensionärs und seiner Kumpel in ihrer trostlos scheinenden Umgebung am "A.... der Welt" in einem anhaltinischen Bergarbeiterort nahe der Saale.
Nur wenige Worte braucht Schultze

Sowohl die Protagonisten als auch Regie und Kamera, vermochten mich absolut zu überzeugen, indem sie Bilder und Stimmungen und eine - zumindest für mich sehr - fremde Welt nahe bringen. So nahe oft, dass ich mich berührt gefühlt habe vom ungeschönten Agieren fremder Menschen.
Und bei dieser Konzentration der Bilder und Szenen auf das Wesentliche, wirkt der Film nie besonders schwer, punktet noch mit echtem Humor und mit jener Eigenschaft eines guten Drehbuchs, die mir persönlich besonders aufgefallen ist, nämlich einfach eine Geschichte zu erzählen, die immer wieder unerwartete und unvorhersehbare Wendungen nimmt.
Mir ist sogar eine Parallele zum Doku-Film DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL in den Sinn gekommen. In der Art nämlich, wie hier über das alltägliche Leben von Menschen in einer für die meisten Zuschauer exotischen Welt ohne Interpretation und ohne viel Bewertung berichtet, und dabei eine unprätentiöse Geschichte des Daseins erzählt wird.
ricore - 23. Aug, 10:43
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